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„Mal eben unter die Maschine halten ...“

Von Prinzen, Opernbällen, Borussia Dortmund und dem Respekt vor dem Handwerk

Neulich war Prinz Julius Eduard von Anhalt, Herzog zu Sachsen und Oberhaupt des Hauses Askanien, Gast der Sendung „Hart aber fair“ mit dem Thema „Faszination Adel“.
Die Fernsehplauderei lief bei mir so nebenbei, erhielt jedoch meine volle Aufmerksamkeit, als der Prinz quasi im Nebensatz die Bedeutung von Hochschulabschlüssen relativierte und ausdrücklich seinen mindestens ebenso großen Respekt vor Handwerksmeistern betonte. 

 

 

Da rückte mir der Mann, der mir aufgrund seiner besonnenen Redebeiträge und seines verschmitzten Lächelns ohnehin schon sympathisch war, noch ein Stückchen näher ans Herz. Es ist ja nun nicht selbstverständlich, dass Handwerker in dieser Form aus berufenem Prinzenmunde so ausdrücklich geadelt werden. Ich freute mich also, fühlte mich schon ein wenig wie eine Prinzessin, die im Wallekleid beim kommenden Wiener Opernball über das Parkett schwebt. Die Träumerei fand allerdings ein jähes Ende, als mir die Frage in den Kopf schoss, wie hoch der Anteil von Handwerksmeistern an diesem viel beachteten gesellschaftlichen Ereignis wohl sein wird?

Von Wien über Dortmund nach Berlin

Weil mir persönlich die Teilnahme an so einem Opernball nun auch wiederum nicht so wichtig erscheint, schweiften meine Gedanken über andere gesellschaftlich relevante Events weiter zur VIP-Lounge von Borussia Dortmund. Da die Hauptbetätigung von Borussia Dortmund bekanntermaßen im Fußwerk besteht, ist dieser Verein dem Handwerk ja dann doch noch irgendwie ein bisschen näher als Opernbälle, dachte ich zunächst. Nach kurzer weiterer Überlegung entwickelte sich dann aber die Befürchtung, dass in der erwähnten VIP-Lounge möglicherweise die Angehörigen der Handwerkerzunft im Vergleich zu Akademikern auch eher unterrepräsentiert sein könnten. Aber vielleicht irre ich mich ja.
(Lieber Herr Watzke, wenn Sie zufällig diese Zeilen lesen und nun mit dem Gedanken spielen, mich einzuladen – vielleicht um meine Befürchtung zu widerlegen oder aber, um die Statistik zu Gunsten des Handwerks ein wenig aufzupäppeln – ich käme! Ich käme wirklich, zumal ich mit einer solchen Einladung meinen Lebensgefährten unglaublich beeindrucken könnte. Dass er miteingeladen ist, habe ich einmal stillschweigend vorausgesetzt und er würde mich in der doch arg kurzen Halbzeitpause sicher bei der statistischen Erhebung unterstützen.)

 

Neben Musik und Sport wäre da noch die Politik und hier bin ich glücklicherweise nicht mehr auf reine Spekulationen angewiesen: So berichtete das Handwerksblatt im November 2012, dass von seinerzeit 620 Volksvertretern im Bundestag nur 25 einen handwerklichen Hintergrund vorweisen können. Jetzt weiß ich nicht so genau, ob ich mich angesichts von immerhin 25 handwerksaffinen Volksvertretern wenigstens ein bisschen freuen sollte oder aber heute Abend verzweifelt in mein Kissen schluchze. Ich überlege noch. Auf eine Einladung von wem auch immer, am politischen Treiben mitzuwirken, lege ich jedoch definitiv keinen Wert.

 

Nun ja, vielleicht ist es aber auch ein grundfalscher Ansatz, die Wahrnehmung des Handwerks an der Beteiligung von Handwerkern an gesellschaftlichen Ereignissen oder politischen Institutionen festzumachen. In meiner tagtäglichen Arbeit haben Oper, Fußball und Politik in der Tat erstmal nur eine nachrangige Bedeutung.

Echte Erfahrungen aus dem wirklichen Leben

Zurück ins echte Leben. Die Wertschätzung des Handwerks messe ich in erster Linie an persönlichen Erlebnissen, die mir bisweilen widerfahren.

Viele glauben es vielleicht nicht – aber es kommt wirklich manchmal vor, dass mir ein optimierungswürdiges Kleidungsstück auf die Theke gelegt wird verbunden mit der Idee, für diese Optimierung müsse man besagtes Kleidungsstück – so wörtlich:
„ ... doch einfach nur mal eben kurz unter die Maschine halten.“

Jetzt, wenn ich diesen Text verfasse, habe und nutze ich die einmalige Chance, einmal ganz tief einzuatmen und mir eine kurze Pause zu gönnen. Nehmen Sie sich derweil doch die Zeit, diesen Nur-mal-eben-kurz-Satz noch einen Augenblick auf sich wirken zu lassen.

Mmmmmm. Stimmhaftes Ausatmen. Das tut gut und hält den Blutdruck schön unten.

Überraschenderweise gelingt es mir zumeist, den immensen inneren Aufruhr, dem eine Mischung aus gekränkter Handwerkerehre und Empörung über die gefühlte Geringschätzung meines Berufsstandes zu Grunde liegt, in solchen Situationen halbwegs zu verbergen. Ich erkläre dann trotz aller Gefühlswallung in wohl überlegten Worten, warum die Sache aufgrund von Tücken des Materials, der jeweiligen Verarbeitung oder eines anderen noch nicht beachteten Details doch nicht ganz so einfach liegt, wie ursprünglich erhofft.
Auf wunderliche Weise üben diese erklärenden Worte auf mich selbst eine äußerst beruhigende und dann mitunter sogar auch eine pädagogische Wirkung aus: Im Idealfall entwickelt sich eine gewisse Einsicht und bei mir das Gefühl, dass die erläuternden Worte inhaltlich nachvollzogen wurden.

Bin ich zu empfindlich? Oder zu streng?

Man könnte mir entgegnen, ich sei überempfindlich und die zitierte Kundenhaltung gäbe es vielleicht in Ausnahmefällen im Schneiderhandwerk und wäre auf das Handwerk im Allgemeinen nicht übertragbar. Das stimmt nicht. Mein Vater, keineswegs ein Schneider, sondern vielmehr ein erfahrener Schreiner, berichtete einmal von einem Kunden, der an ihn mit dem Ansinnen herantrat, einen Schemel „mal eben“ in der Mittagspause zu bauen. Die Geschichte, über die sich mein Vater zu Recht vehement empörte, taugte dann wenigstens als Anekdote für diverse Familienfeiern, bei denen sie dann immer wieder gern erzählt und gehört wurde.

Vielleicht bin ich auch zu streng. Wenn man heute ein Hemd oder einen Hocker bei einem irischen oder schwedischen Händler für weniger als zehn Euro erwerben kann, wie soll da noch Respekt aufkommen? Wie soll noch ein Gefühl dafür entstehen, dass qualifiziertes handwerkliches Tun mit einer fundierten Ausbildung, langjähriger Berufserfahrung und eben auch mit Zeitaufwand einhergeht?

Aber: Ich wünsche mir trotzdem mehr Respekt vor dem Handwerk! Denn würde irgendjemand es wagen, an einen Chirurgen mit der Idee heranzutreten, „mal eben schnell“ einen Blinddarm zu entfernen? Oder von einem Bauingenieur zu erwarten, „mal eben“ eine Brücke zu bauen? Und ich rede hier ganz bewusst nicht von Berliner Flughäfen oder Philharmonien an der Elbe.
Auch dem Prinzen von Anhalt hat mit Sicherheit kein Verleger gesagt, er solle sein 192 Seiten starkes Werk „Sagenhaftes Askanien, Geschichten und Legenden“ mal eben in zwei bis drei Tagen raushauen. Obwohl er doch mit Sicherheit einen PC oder eine Sekretärin oder beides hat, die ihm den Großteil der schriftstellerischen Tätigkeit abnehmen ...

Auch ohne tiefergehende medizinische Kenntnisse wage ich, einfach mal zu behaupten: Die Entfernung eines Blinddarms verlangt von einer diesbezüglich ausgebildeten Fachkraft keineswegs mehr Wissen, Erfahrung, Technik und handwerkliches Geschick, als für die Umarbeitung eines Hochzeitskleides erforderlich ist. Ein Hochzeitskleid beispielsweise mit Tüll, diversen Stofflagen, Volants, Spitzenbesatz, Perlen und Pailletten, das erweitert und gekürzt werden muss, in dem dann die anfangs noch ziemlich unglückliche Braut dank unserer Hilfe schließlich doch noch mit einem strahlenden Lächeln vor den Traualtar schreiten kann.

Und dies, liebe Chirurgen, meine ich nicht despektierlich und versichere Ihnen: Ich habe die allergrößte Hochachtung vor Menschen, die sich in medizinischen Dingen auskennen!

Wie ernst meint es jetzt der Prinz?

Natürlich frage ich mich, ob der Prinz von Anhalt es mit seinem Respekt vor Handwerksmeistern tatsächlich ernst gemeint hat oder ob dies nur ein Lippenbekenntnis war. Nach meinem Eindruck waren seine Worte aufrichtig, zumal er bei Plasberg auch einräumte, dass es in unserer Gesellschaft tatsächlich Standesunterschiede gäbe und er dies ausdrücklich als einen behebenswerten Mangelzustand bezeichnete. Wie er wirklich denkt und fühlt, weiß ich jedoch erst genau, wenn er eines Tages in die Schneiderei Burscheid kommt und es ihm gelingt, jegliche Formulierungen rund um „mal eben“ konsequent zu vermeiden.

Zum guten Schluss ...

... möchte ich eines noch zugeben: Manchmal träume ich tatsächlich auch von so einer Maschine, unter die man mal eben so alles halten kann. So ähnlich wie Ottos „Tomatobrotomat“. Nur noch besser. Ich stelle sie mir also dann ungefähr vor wie einen dieser Altkleider-Container: Vorn eine große Klappe, in die man alles hineinstopfen kann, egal ob Hochzeitskleid, den Brioni-Anzug oder von mir aus auch eine ganz profane Jeans.
In meiner Vision hat diese Maschine Tasten, auf denen steht: „Kürzer“, „Länger“, „Enger“, „Weiter“, „Wiener Naht“, „Ärmel kürzen“, „Ausbessern“, „Kunststopfen“ usw. Vielleicht hat sie noch ein paar Rädchen, um die Skalierung einzustellen. Zehn Prozent erweitern, acht Komma fünf Prozent kürzen. Von den Tasten drücke ich dann eine oder bei Bedarf auch mehrere, drehe an den Rädchen und drücke auf „Start“. Dann macht die Maschine Rattata, Summsummsumm, Rattata, Schnipp, Schnapp. Dreißig Minuten oder eine Stunde später leuchtet das Fertig-Lämpchen auf und schließlich erscheint an der Ausgabeklappe, die diese Maschine von einem Altkleider-Container unterscheidet, das perfekte Ergebnis, das ich anschließend meinen Kunden stolz präsentiere.

Ich bin allerdings gestraft mit einem Sinn für Realismus, der mich eine so schöne Sache bis zum bitteren Ende denken lässt: Wenn es eine solche Maschine tatsächlich gäbe, dann gäbe es sehr wahrscheinlich die Schneiderei Burscheid nicht. Und das fände ich auch irgendwie schade.

 

Ihre Anke Schulz, 24. September 2017

 

 

 

 

 

 

 

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